Startseite
Suchen Suche:
Jesus Christus ("Kreuzesstamm/Osterlamm...") Jesus Christus, guter Hirte GL 366
Startseite







Ordnungen




Glockengeschichte


Zur Geschichte und Bedeutung der Glocken


Einleitung

Die Glocke ist kein ursprünglich christliches Instrument. Doch wurde sie zusammen mit der Orgel im Umfeld liturgischer und religiöser Vollzüge zum akustischen Sinnbild der abendländischen christlichen Musik überhaupt. Die Christen in Europa haben die Glocke über die Jahrhunderte hinweg zu ihrem rituellen Zeichen gemacht und ihrem Klang einen wichtigen Platz in ihrem spirituellen Repertoire eingeräumt. Die Glocken tragen den Glauben mit ihrem Klang durch die Straßen und laden zum Gottesdienst. Mit ihrem wortlosen Gesang sind sie in der Lage, Menschen auf eine Weise anzusprechen, die mit Worten nicht erklärbar ist.

Glockenklang ist so vielschichtig, dass er sich trotz der weit reichenden Analysierungs-Versuche der Entmystifizierung entzieht. Wie bei jeder großen Musik bleibt das Geheimnis seiner Wirksamkeit auf das menschliche Gemüt letztendlich ungeklärt.

Geschichte

Die Anfänge der Glocken stammen aus dem antiken Asien und reichen mehrere Jahrtausende zurück. Wo immer Menschen Metallbearbeitung betrieben, entstanden Klangkörper, die zu kultischen Zwecken verwendet wurden, und denen man auf der ganzen Welt magische Kräfte zuschrieb.

Nachdem das Christentum in seinen Anfängen die Glocken wie auch alle anderen Instrumente verpönt und aus dem Gottesdienst verwiesen hatte, bediente es sich ihrer seit dem Ausgang der Antike bzw. dem frühen Mittelalter.

Zunächst wurde die Glocke in Mönchsgemeinschaften als Ruferin zum gemeinsamen Gebet verwendet. Diese Aufgabe hat sie bis heute nie wieder abgegeben. Im Gegenteil, weltliche wie kirchliche Instanzen nahmen die Idee einer „Signalgeberin“ auf. Man hängte auch auf Gemeindekirchen Glocken, später dann sogar mehrere auf einen Turm und spezialisierte ihre Aufgaben dahingehend, dass man unterschiedliche Glocken zu unterschiedlichen, den Menschen bekannten Anlässen läutete. Die eine rief zum Gebet, die andere - auf dem Rathaus - zur Ratsversammlung, die dritte war die Totenglocke- es wären zahlreiche weitere Anlässe zu nennen. Ein berühmtes Beispiel dafür, wie ein sakraler Ruf in der Bevölkerung auch praktisch umgesetzt wurde, ist der volkstümliche  Beinahme „Spätzleglock“ für die Freiburger Hosanna, deren Erklingen die Leute offensichtlich nicht nur ans Gebet, sondern auch ans Mittagessen „mahnte“.

Im Regelfall wurde also eine Einzelglocke geläutet, deren Klang und Bedeutung allgemein bekannt war. Eine solche Verwendung der Glocken war damals deshalb möglich, weil sich die einzelnen Glocken im Charakter stark unterschieden. Nicht üblich war es, die Glocken im Mittelalter gemeinsam zu läuten; dies geschah nur zu sehr außergewöhnlichen Anlässen, wie zum Beispiel dem Besuch einer wichtigen Persönlichkeit.

Über die Jahrhunderte änderten sich jedoch die Wünsche und Anforderungen an die Kirchenglocken. Man wollte mehrere Glocken gemeinsam so läuten können, dass es ein harmonisches Ganzes ergab

Damit Glocken „ensemblefähig“ werden konnten, musste zunächst die Einzelglocke eine Klangstruktur erhalten, die in sich eine Art von Harmonie ergab. Denn nicht alle Glocken sind in sich sauber „gestimmt“. Im Spätmittelalter dann hatten die Glockengießer nach langem Suchen und Experimentieren zum ersten Mal eine Form gefunden (sog. „Gotische Rippe“), die der Glocke Klangschönheit und Harmonie im Sinne des musikalischen Akkords verlieh. Für diesen bis heute unerreichten Höhepunkt der Glockengießkunst steht beispielhaft das Meisterwerk des Glockengießers Gerd van Wou: die 1497 für den Dom zu Erfurt gegossene „Gloriosa“.

Weitere Entwicklung in der Neuzeit

Leider ging dieser handwerkliche Wissensschatz in den Verheerungen des dreißigjährigen Krieges und der Seuchen der frühen Neuzeit wieder ein Stück weit verloren, so dass sich die Glockengießer von neuem auf den Weg und die Suche nach dem vollkommenen Klang machen mussten. Die kommenden Generationen schufen vor allem im Barock reich verzierte, optisch sehr kunstvolle Glocken, an deren Gestaltung sich auch Künstler wie Balthasar Neumann, der gelernter Glockengießer war, beteiligten.

Entwicklung der Beurteilung des Glockenklangs

Seit dem 19. und vor allem im 20. Jahrhundert suchte man nach „sachlichen“ und objektiven Kriterien, die klangliche Qualität einer Glocke zu beurteilen. Im Zuge dieser Bemühungen, die sich bis zum heutigen Tage fortsetzen, haben sich, abgesehen von der ausschließlichen Akzeptanz hochreiner Zinnbronze als Gussmaterial, vor allem zwei Kriterien herauskristallisiert: der Aufbau der „Innenharmonie“ einer Glocke und die Klarheit ihres Nominals.

Nach diesen beiden Kriterien prüft der Glockensachverständige die Glocke, wenn sie im Werk aus der Gussgrube geholt und gereinigt wurde.

Heutige Bedeutung der Glocken

Heute wie in früheren Zeiten ist der Glockenklang ist etwas, das in einer kleinstädtischen oder dörflichen Gemeinschaft stark identitätsstiftend wirkt und nach wie vor  aus dem öffentlichen Leben nicht wegzudenken ist.

Die Freude über die Glocken, die ich vielerorts und z. b. auch hier in Rottenburg bei der Weihe erleben darf, ist für mich ein deutliches Zeichen dafür, dass Glocken als Teil unserer Kultur noch immer tief im öffentlichen Bewusstsein verankert sind. Auch wenn sich heutzutage die Beschwerden gegen die Glocken häufen, so sind doch diejenigen, denen der große Klang einen Weg zu sich selber weist, weiterhin deutlich in der Mehrheit.

Heute mehr denn je sind die Menschen in einer immer mehr durchrationalisierten Welt auf der Suche nach etwas, das ihnen Sinn und Halt gibt. Das Sicherheitsbedürfnis ist in Zeiten von Finanz- und Wirtschaftskrise sehr hoch. Die Kirchen sind in solchen Zeiten ganz besonders gefordert, den Menschen eine Perspektive über ihre Zukunftsängste hinaus zu weisen, und auch hier sind die Glocken gefragt. Der Glockenklang wird – wenn denn das Geläut in einem guten Zustand ist – oft als beruhigend beschrieben. Oder als gewaltig oder als „einfach schön“. Und oft fehlen die Worte.


Letzte Aktualisierung: 16.6.2011, 23:14 Uhr